Horsedentist-Mallorca


 

Auch ein Beruf: Der Deutsche Martin Paesler ist gelernter Pferdezahn­pfleger und als solcher
seit einem Jahr auf Mallorca tätig - Über mangelnde Nachfrage kann er sich nicht beklagen:
Auf der Insel sind etwa 25.000 Pferde gemeldet - Da ist eigentlich immer etwas zu raspeln, zu ­ziehen oder
zu spülen

Karl Hofer
MZ-Reporter und Ex-Cheffotograf der
Neuen Zürcher Zeitung

Man schaut zu - und er­schrickt fürchterlich. Unvermittelt greift der bei einer braunen Stute stehende Deutsche dem Tier ins Maul, und der Arm verschwindet fast bis zum Ellbogen zwischen den Kieferhälften, die ein Pferd mit bis zu sieben Tonnen Druckkraft zusammenpressen kann. Doch nichts geschieht. Die Stute wirft zwar den Kopf in die Höhe und zeigt ihre Zähne. Doch diese beißen nicht zu, der Arm kommt heil wieder ans Licht. Das Wunder ermöglicht ein kleines Gerät, das man in der Fachsprache Maulkeil nennt. Es ist eine Art Rolle, die dem Tier hinter die letzten Backenzähne geschoben wird. So kann es das Maul nicht schließen und Martin Paesler seine Arbeit gefahrlos an die Hand nehmen.

Der 43 Jahre alte Kaufmann aus der Gemeinde Altstadt in Süddeutschland ist gelernter Kaufmann und hat viel unternehmerisches Blut in den Adern. Vor acht Jahren wechselte er von der Bürotätigkeit zu den Pferdezähnen, bildete sich zum Pferdedentisten aus und ist heute der einzige hauptberufliche Pferdezahnpfleger auf Mallorca.

Seine Tätigkeit lässt sich bis zu einem gewissen Grade mit jener einer Dentalhygienikerin in einer Zahnarztpraxis vergleichen. Regelmäßige Zahnkontrolle, das Entfernen von Zahnstein sowie andere vorbeugende Maßnahmen gegen Karies und Zahnfleischschwund sind in beiden Fällen wesentliche Aufgaben. Beim Pferd", erläutert Martin Paesler, kommt als wichtige Arbeit das regelmäßige Abraspeln der Zähne mit geeigneten Raspeln dazu." Was Laien erstaunen mag: Pferdezähne wachsen jedes Jahr im Durchschnitt um etwa zwei Millimeter nach. Das ist eine Eigenart, die auf Urzeiten zurückgeht. Die in den Steppen Asiens beheimateten Urpferderassen ernährten sich von hartem Steppengras, das sie jeden Tag viele Stunden lang vom Boden rupften. Dieses Rauhfutter zermalmten sie zwischen den Zähnen. Sie wurden dadurch stark abgenützt, ihr Nachwachsen war für das Tier deshalb lebenserhaltend. Als der Mensch die Pferde zu domestizieren und sie mit weichem Gras, Körnern und allerlei Kraftfutter zu füttern begann, verringerte sich die Zahnabnützung.

Die Folgen sieht man heute in vielen Stallungen: Überhohe Schneidezähne schränken normales Kauen ein, auf den Backenzähnen bilden sich oft störende scharfe Kanten, es entstehen Löcher in den Zähnen und das Zahnfleisch geht zurück. Schon im 12. Jahrhundert lassen sich in arabischen Schriften Angaben über korrekte Zahnbehandlung beim Pferd finden. In Deutschland befasste man sich ab dem 17. Jahrhundert ausführlich mit den Pferdezähnen, im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wurden Zahnanatomie, Zahnerkrankungen und ihre Behandlung gründlich erforscht, es war zeitweise gar eine fahrbare Pferde-Zahnstation im Einsatz, die, weil zu kostspielig, jedoch bald wieder eingemottet wurde.

Als das Pferd in Europa als Nutztier ausgedient hatte und die Bestände stark schrumpften, ging viel Wissen um die Pferdezähne verloren. Heute sind Kanada und die USA in der Pferdezahnbehandlung weit voraus, Europa hinkt hinterher, holt jedoch auf, weil der Reiterboom die Pferdezahl wieder anwachsen lässt. In Deutschland sucht die Internationale Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne IGFP" mit Vorträgen, Fachseminaren und Ausstellungen aufzuklären. Auch veranstaltet die Gruppe Fachprüfungen, die zum Führen des Titels Pferdedentalpraktiker IGPF berechtigen.

Martin Paesler wählte allerdings einen anderen Weg: Er ließ sich über zwei Jahre hinweg in Rennes in Frankreich beim bekannten Tiermediziner und Pferdezahnspezialisten Jacques Leclaire, der zahlreiche heute im Gebrauch stehende Instrumente für die Pferdezahnbehandlung entwickelte, zum Pferdedentisten ausbilden. Dann arbeitete er mehrere Jahre lang für Pferdebesitzer in Deutschland und im Raum Schaffhausen in der Schweiz .

Die beruflichen Perspektiven sind hier sehr gut", sagt Paesler zu diesem Wechsel. Und er begründet: Nach meinen Informationen leben auf der Insel 25.000 gemeldete Pferde. Viele Besitzer sind, wie ich bereits mehrmals selbst erlebt habe, noch wenig über die möglichen Schäden bei schlechten Pferdezähnen informiert. Fühlt sich ein Tier unwohl, sucht man die Ursachen überall - nur nicht bei den Zähnen. An aufklärender Tätigkeit und an praktischer Arbeit am Pferdegebiss fehlt es also nicht."

Wenn Pferde Zahnweh haben
Und wie reagiert ein Pferd auf Zahnschmerzen? Martin Paesler zählt auf: Es schlägt mit dem Kopf, verliert an Gewicht, das Fell wird unschön, auch starker Mundgeruch, tränende Augen oder tropfende Nüstern können auf Zahnprobleme hinweisen." Neben dem erwähnten Zurückraspeln der Zähne und dem Entfernen des Zahnsteins gehört das Abrunden von entstandenen Kanten bei den Backenzähnen und das Ziehen der sogenannten kleinen Wolfszähne zu den Aufgaben des Pferdezahnspezialisten. Dagegen darf er keine größeren operativen Eingriffe vornehmen. Sie sind dem Tierarzt und den spezialisierten Tierkliniken vorbehalten. Bei seinen Zahnbehandlungen arbeitet der Pferdedentist stets ohne Narkose. Ist ein Tier besonders störrisch, nimmt er das sogenannte Maulgitter zu Hilfe.

Martin Paesler spielte früher Fußball. Heute ist ihm die anstrengende Arbeit an den Pferdezähnen, die auch eine tüchtige Portion Mut erfordert, körperliche Ertüchtigung genug. In einer Beziehung ist der Süddeutsche von der Schwäbischen Alp allerdings nicht mutig, sondern eher feige. Er verrät: So komisch es klingen mag - ich reagiere jedesmal mit Angstschweiß, wenn ich zum Zahnarzt gehen muss."

 

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